Zusammenfassung
Viele Berufe gehen mit erhöhter körperlicher Belastung einher und können zu Schäden des muskuloskelettalen Systems führen. Zur Anerkennung einer Berufserkrankung durch den Kostenträger (z.B. Berufsgenossenschaft) muss meist eine langjährige, regelmäßige Tätigkeit mit belastendem Potenzial ausgeübt worden sein. Typische Erkrankungen dieser Art sind bspw. Meniskusschädigungen bei knienden Tätigkeiten (z.B. beim Fliesenlegen), Sehnenscheidenentzündungen (z.B. bei Fließbandarbeiten) oder Bandscheibenschädigungen der LWS/HWS (z.B. bei langjährigem schweren Heben).
Berufsbedingte Bandscheibenerkrankungen
Ätiologie und Pathogenese
- Entstehung meist durch langjähriges schweres Heben oder Tragen
- Erhöhte Druckbelastung der Bandscheibe → Beeinträchtigung des Stoffwechsels → Funktionseinschränkung
LWS
- Anerkannte Ursachen
-
Langjährige Tätigkeit (mind. 10 Jahre) mit
- BK 2108
- Heben und Tragen schwerer Lasten und/oder
- Arbeiten in extremer Rumpfbeugehaltung
- BK 2110 : Vertikale Einwirkung von Ganzkörperschwingungen (5 Hz) in Sitzhaltung (z.B. Fahrer:innen von Industriefahrzeugen wie LKWs oder Bagger oder von forstwirtschaftlichen Fahrzeugen im Gelände)
- BK 2108
-
Langjährige Tätigkeit (mind. 10 Jahre) mit
HWS
- Beschreibung: Lokales Zervikalsyndrom oder zervikobrachiales bzw. zervikozephales Syndrom
-
Berufskrankheit der Halswirbelsäule (BK 2109)
- Anerkannte Ursachen
- Langjährige Tätigkeit (mind. 10 Jahre) mit Tragen schwerer Lasten (mind. 50 kg) auf der Schulter
- Klinisches Bild
- Lokales Zervikalsyndrom: Chronische positionsabhängige Nacken- und Schulterschmerzen, die mit Muskelverspannungen und Bewegungseinschränkungen der HWS einhergehen
- Zervikobrachiales Syndrom: Von den Halswirbeln C5 und C6 ausstrahlende Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder motorische Ausfälle im Arm, die auf Schädigungen der Bandscheiben zurückzuführen sind
- Zervikozephales Syndrom: ZNS-Symptome, Kopfschmerzen und Schwindelattacken, die auf eine Kompression der Arteria vertebralis und eine Irritation des Sympathikus zurückzuführen sind.
- Anerkannte Ursachen
Knieerkrankungen
- Ätiologie
- Beugung unter Belastung
- Gefährdete Berufsgruppen: Beschäftigte im Bergbau, Dachdeckerhandwerk, Fliesenlegen, Gartenbau oder in der Installation (insb. bei knienden Tätigkeiten)
- Klinisches Bild: Meniskusschäden, Gonarthrose
- Anerkennungsvoraussetzung: Mind. 1 h/Tag, insg. mind. 13.000 h
- Früher mind. 3 Jahre Tätigkeit im Bergbau erforderlich, heutzutage auch bei äquivalenter Belastung anerkannt
Sehnenscheidenerkrankung (Tendovaginitis)
- Ätiologie: Tätigkeit mit statischer mechanischer Belastung (Fließbandarbeit, früher auch Schreibmaschine)
- Klinisches Bild
- Lokaler Druck- und Bewegungsschmerz, evtl. Krepitation
- I.d.R. Abklingen nach Pausieren der Tätigkeit und Wiederaufflammen nach Wiederaufnahme
Vibrationsbedingte Erkrankungen der Knochen und Gelenke sowie Durchblutungsstörungen der Hände
- Ätiologie: Arbeit mit Motorsäge, Presslufthammer, Polier- und Schleifmaschinen (v.a. bei Kälte)
- Bewertete Schwingstärke
- K-Wert: Die bewertete Schwingungsstärke berechnet mit ein, dass Vibrationen abhängig von ihrer Frequenz eine unterschiedliche Bedeutung für den menschlichen Organismus haben. Dadurch kann die Bedeutung von Schwingungen auf den Körper besser beurteilt werden.
- Klinisches Bild
- Degenerationen an Ellenbogen- und Handgelenken (bspw. auch Osteochondrosis dissecans im Ellenbogengelenk)
- Schultereckgelenkarthrose
- Nekrosen der Handwurzelknochen (Lunatummalazie, Skaphoid-Fraktur)
-
Vasospastisches Syndrom (sekundäres Raynaud-Syndrom)
- Dysästhesien
- „Weißwerden“ der Finger → Ausbreitung und schmerzhafte Rückbildungsphase erfolgt von den Fingerspitzen nach proximal
- Diagnostik: Kälteprovokationstest mit Beurteilung von Hautfarbe, -temperatur und Blutdruck an den Fingerspitzen
Selten
- Abrissfrakturen der Wirbelfortsätze durch langjähriges Schaufelarbeiten mit überhohen und überweiten Würfen („Schipperkrankheit“)
- Zahnabrasionen an den Kauflächen bei Tätigkeiten mit hoher Exposition gegenüber mineralischem Staub (z.B. in Steinbrüchen)
- Hypothenar-Hammer-Syndrom (Thrombosierung der A. ulnaris mit der Folge trophischer Störungen) durch Hämmern mit dem Kleinfingerballen (Ausbeulen, Montieren)